Die Zeit fliegt! Bereits vor etwas über einem Monat ist Denny in Rente gegangen und Alma bei mir eingezogen. Und irgendwie fühlt es sich so an, als ob sie schon viel länger da wäre. Ich muss ehrlich sagen, ich kann mir das Leben nicht mehr wirklich ohne sie vorstellen. Dennoch: Einiges hat sich in den letzten Wochen verändert. Zeit also für ein Update. Wie ist der Wechsel zu einer Blindenführhündin wirklich?

Kennenlernen mit Alma

Ich habe das Glück, dass mich Almas Trainer, dank Denny, bereits sehr gut kennen und bei der Auswahl eines würdigen Nachfolgers genau wussten, worauf sie achten müssen. Es hat mich daher nicht überrascht, dass sie mit Alma eine Hündin ausgesucht hatten, die genau meinen Vorstellungen entsprochen hat. Direkt bei unserem ersten Aufeinandertreffen wollte sie kaum von meiner Seite weichen. Auch bei allen weiteren Treffen freute sie sich, mich zu sehen und ging aktiv auf mich zu.

Almas Eingewöhnung

So war es nicht weiter verwunderlich, dass Alma sich relativ schnell an mich gewöhnt hatte und bereit war, mich zu führen. Auch die Umstellung von der Kleinstadt Arnstadt hin zu der Großstadt München mit etwa 50mal so vielen Einwohnern war für die Kleine kein Problem, wodurch mir ernsthaftere Schwierigkeiten erspart blieben. Eine Blindenführhündin ist zwar eine Lady, aber keine Porzellankugel. Deshalb ist es nicht notwendig, sie vor allem abzuschirmen. Im Gegenteil. Die ersten Wochen im Zusammenleben mit einer Blindenführhündin sind sehr wichtig, um meinen Alltag mit allen Facetten kennenzulernen.

In diesen Tagen waren Alma und ich noch nicht alleine unterwegs, sondern genau wie in meinen ersten Tagen mit Denny hat ein Trainer der Führhundschule uns auf unseren Wegen begleitet. Hierbei haben wir neben dem Gehorsamstraining auch alle wichtigen Wege, angefangen vom Gang zur Arbeit, zum Arzt, ins Fitnessstudio, über das sichere Fahren mit dem öffentlichen Nah- und Fernverkehr, bis hin zu Supermärkten, Bäckereien und Restaurants, geübt. Nach diesen Wochen haben wir uns so aneinander gewöhnt, dass wir problemlos die Gespannprüfung bestanden.

Ein neuartiges Geschirr

Wir üben trotzdem fleißig weiter - mit vielen Belohnungen und mit dem neuen sehr ergonomischen Führgeschirr UNIFLY von Ruffwear. Warum das wichtig ist? Gerade Blindenführhunde, die im Laufe eines Tages viele Stunden mit einem Führgeschirr herumlaufen und sich permanent sehr konzentrieren müssen, um ja keinen Fehler zu machen, mit dem sie ihren Halter gefährden könnten, benötigen ein Führgeschirr, welches nicht unangenehm drückt oder schwer ist.

Die seit vielen Jahren üblichen Geschirre, bekannt für ihren markanten Bügel, sind dabei prinzipiell nicht schlecht. Mit dem Wechsel zu Alma habe ich mich dazu entschieden, ein neues Produkt des Herstellers aus den USA zu verwenden. Der auffälligste Unterschied ist, dass statt einem Bügel ein Teleskopstab eingesetzt wird. Für genauere Details habe ich euch oben die Hersteller Seite verlinkt.

Das Führgeschirr von Ruffwear ist grundsätzlich wirklich toll. Sowohl im Handling mit dem Hund als auch in Material und Pflege. Robust, gut verarbeitet und easy zu reinigen. Auch gewichtsmäßig kann Alma es super tragen. Das Führgeschirr ist überraschend leicht, was für eine kleine Hündin mit geringem Eigengewicht sehr wichtig ist. Zu beachten ist, dass dieses Geschirr nur über Führhundschulen zu kaufen ist, welche Mitglied im IGDF, also der International Guide Dog Federation, sind.

Alma im Arbeitsmodus

Wenn ich meine Wohnung verlassen möchte, läuft es immer gleich ab: Alma heranrufen, Halsband und Geschirr anlegen, und erst, wenn sie beides perfekt trägt, verlassen wir die Wohnung. Bis hier läuft alles wie zuvor mit Denny, der einzige Unterschied dabei ist, dass Alma kleiner als Denny ist und das bereits zuvor erwähnte neue Führgeschirr verwendet. Doch hier enden die Unterschiede noch lange nicht.

Da ich mich in München mittlerweile gut auskenne und schon über neun Jahre von Denny geführt wurde, weiß ich, wie ein Blindenführhund seine Arbeit verrichtet. So konnte ich mich gleich auf Alma einlassen. Zusammen haben wir ein Tempo drauf, wie ich es von Denny in seinen jungen Jahren gewohnt war. Almas Lieblingsbeschäftigung beim Führen ist, mir Ampeln und Treppen anzuzeigen. Hier sollte es keine größeren Unterschiede geben, denkt man im ersten Augenblick, doch weit gefehlt! Wenn Denny mir eine Ampel angezeigt hat, verlangsamte er kurz vor dieser etwas sein Tempo, bevor er diese angesprungen ist. Alma hingegen läuft, ohne ihr Tempo zu verringern, direkt auf die Ampel zu, springt diese mit den Vorderpfoten an und bleibt in dieser Haltung stehen. Die ersten Tage hatte ich immer Angst, selbst nicht rechtzeitig zum Stehen zu kommen und die Kleine an die Ampel zu quetschen. Auch bei Treppen sollte es keine Unterschiede geben, doch Alma hat sich am zweiten Tag der Einarbeitung plötzlich überlegt, nicht vor den Treppenstufen stehen zu bleiben, sondern viel lieber das Treppengeländer anzuspringen. Als sie dies das erste Mal gemacht hat, war ich total verblüfft. In diesem Augenblick war aber tatsächlich das Geländer für mich wichtig, um nachzuschauen, welchen Treppenaufgang wir gerade gefunden hatten (an vielen Treppengeländern ist in Brailleschrift und in erhabener Schrift vermerkt, um welches Treppenhaus es sich handelt). Also habe ich sie dafür belohnt, wodurch sie mir Treppen nun auf diese Weise anzeigt.

Doch auch wenn sie mich einfach nur von A nach B führt, merke ich ständig, wie exakt sie arbeitet und gleichzeitig mit dem Schwanz wedelt, um mir so zu signalisieren, dass sie pure Freude hat an dem, was sie macht. Auch der hektische Hauptbahnhof kann Alma ihre Freude an der Arbeit nicht nehmen und so führt sie mich, anders als Denny die letzten Jahre, problemlos durch Menschenmassen, an Baustellen entlang und durch Verengungen hin zu unserem Zug. An diesem angekommen zeigt sie problemlos den Zugeingang an, sucht uns einen freien Sitzplatz und bleibt selbst in der größten Unruhe ruhig an ihrem Platz, bis ich ihr mitteile, dass wir angekommen sind und sie den Ausgang suchen muss.

Natürlich bin ich immer mit vielen Leckerlis bewaffnet. Beim Leckerli geben fällt mir noch immer häufig auf, wie sehr ich auf Denny eingestellt bin, sodass meine Hand viel zu hoch für ihre Leckerligebhöhe ist und Alma danach springen muss.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

Damit ein Blindenführhund wärend seiner Führarbeit immer seine beste Leistung bringen kann, benötigt er natürlich auch einen Ausgleich. So hatte ich bereits mit Denny mindestens einmal pro Woche eine große Runde in einem der etlichen Münchner Parks gedreht. Während dieser Runden hatte er immer ausreichend Zeit und Möglichkeiten, mit anderen Hunden zu spielen und so Abwechslung zu seiner Arbeit zu bekommen. Zu meinem Bedauern spielte Denny in den letzten Monaten nur noch mit wenigen Hunden und für lange Spaziergänge war er kaum noch zu begeistern. Alma hingegen spielt mit fast jedem Artgenossen und die Spaziergänge können nicht lang genug sein. So wird es niemanden verwundern, dass ich in den letzten Wochen so lange Strecken spazieren gegangen bin wie schon lange nicht mehr.

Auch zu Hause hat sich einiges verändert. Denny hat in den letzten Monaten häufig seine Ruhe und Entspanung benötigt. Alma hingegen ruht sich nur kurz aus, bereits nach wenigen Minuten Ruhe holt sie eines ihrer etlichen Spielzeuge hervor und fordert mich auf, eine Runde mit ihr zu spielen.

Was ich nach einem Monat mit einer neuen Blindenführhündin gelernt habe?

Eine Hündin ist süß, kuschelig und toll. Aber sie ist eben auch kein älterer Blindenführhund und braucht, gerade die ersten Tage und Wochen, Zeit, Aufmerksamkeit und liebevolle Strenge. Und ich bin ganz ehrlich: Ich war sehr froh, dass ich mir diese Zeit in den ersten Wochen nehmen konnte. Einer Blindenführhündin ein Zuhause und anspruchsvolles Arbeitsumfeld zu geben, aber trotzdem ab Tag eins selbst in Vollzeit zu arbeiten, stelle ich mir sehr schwierig vor, wenn nicht gar unmöglich. Außerdem: Alma ist zwar bereits mein zweiter Blindenführhund, dennoch bin ich sicher kein Hundeprofi und kann nur meine eigenen Erfahrungen weitergeben. Ich habe gemerkt, dass kein Blindenführhund gleich ist. Jeder hat seine eigenen Vorlieben und Bedürfnisse.

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