Der 18. Juni war endlich gekommen und der Tag, auf den ich so lange gewartet hatte. Mein Herz klopfte vor Aufregung, als Kathi pünktlich mit Denny vorfuhr. Dieser Moment fühlte sich wie ein Neuanfang an – der Start in ein selbstständigeres Leben.
Nach einer herzlichen Begrüßung ließ ich Denny aus dem Auto. Er war neugierig, aber entspannt. Ich stellte Kathi und ihn meiner Familie vor und zeigte ihnen mein Zuhause. Die Stimmung war positiv und voller Vorfreude.
Tag 1: Ankunft, Kennenlernen und erstes Training
Kathi erklärte mir geduldig alles Wichtige rund um die Haltung und Führung eines Blindenführhundes. Anschließend passte sie das vorläufige Führgeschirr genau auf unsere Größen an. Plötzlich fühlte sich alles viel natürlicher an – wir konnten unverkrampft und im gleichen Tempo laufen.
Sie stellte mir viele wichtige Fragen:
- Welche Wege laufe ich besonders häufig?
- Wo soll Denny schlafen und gefüttert werden?
- Habe ich bereits ein Körbchen?
Glücklicherweise hatte ich mir diese Dinge bereits im Vorfeld gut überlegt. Als ich Denny seinen zukünftigen Schlafplatz in meinem Schlafzimmer zeigte und Kathi erkannte, dass es genau dasselbe Körbchen war, das er schon als Welpe hatte, lächelte sie zufrieden.
Dann ging es los. Die ersten Führübungen. Ich musste lernen, klare und präzise Kommandos zu geben. Denny führte mich zu Zebrastreifen, zeigte Bushaltestellen an, suchte freie Sitzplätze auf Bänken und fand sogar den Briefkasten. Es war anstrengend, aber unglaublich faszinierend zu spüren, wie aufmerksam und intelligent er arbeitet.
Der erste Trainingstag verging wie im Flug. Am Abend verabredeten wir, dass Kathi am nächsten Tag wiederkommen würde, um gemeinsam mit dem Bus nach Erfurt zu fahren.
Der erste Abend zu zweit – Freizeit ist wichtig
Nachdem Kathi gegangen war, begann unser gemeinsamer Alltag. Denny hatte hart gearbeitet und brauchte nun Ausgleich. Ich nahm meinen Blindenlangstock, legte Denny die Leine an und wir machten uns auf einen mir sehr vertrauten, etwa 4 km langen Rundweg durch die blühenden Felder.
Sobald wir das Dorf verlassen hatten, ließ ich ihn von der Leine. Mit großen Sprüngen rannte er über Wiesen und Felder – einfach nur Hund sein. Diesen Anblick zu hören und zu spüren, machte mich sehr glücklich. Zuhause angekommen bekam er sein Abendessen, und wenig später schlief er tief und fest in seinem Körbchen. Die erste gemeinsame Nacht war ruhig und friedlich.
Tag 2: Erste Busfahrt nach Erfurt
Am nächsten Morgen berichtete ich Kathi von unserem Abendspaziergang. Danach führte mich Denny souverän zur Bushaltestelle. Die erste gemeinsame Busfahrt fühlte sich aufregend und ein bisschen feierlich an. Denny suchte mir einen freien Platz und legte sich ruhig darunter.
In Erfurt trainierten wir intensiv:
- Ein- und Aussteigen bei Bussen und Straßenbahnen
- Kreuzungen sicher überqueren
- Ampeln, Schalter, Eingänge, Treppen und Aufzüge anzeigen
- Verweigern von gefährlichen oder unpassenden Situationen
- Den Weg zu meinem Fitnessstudio
Am Ende des Tages führte mich Denny sicher von der Bushaltestelle nach Hause. Kathi verabschiedete sich in den Feierabend – und Denny und ich machten wieder unseren verdienten Feldspaziergang.
Tag 3: Erste Schritte in die Selbstständigkeit
Der dritte Tag verlief ähnlich intensiv. Wir integrierten nun auch die Wege zu meinen Ärzten und andere wichtige Alltagsziele ins Training. Ich schlug Kathi vor, dass Denny und ich zukünftig alleine mit dem Bus nach Erfurt kommen und sie dort an einem festen Punkt treffen. Sie war einverstanden.
Das war ein großer Vertrauensbeweis. Als wir das erste Mal alleine mit dem Bus zurück nach Nurzen fuhren und Denny mich problemlos nach Hause führte, spürte ich eine tiefe Zufriedenheit und Stolz. Auf dem Abendspaziergang rief Kathi an und erkundigte sich, ob alles gut gegangen sei. Ihre Erleichterung war hörbar.
Die letzte Woche vor der Gespannprüfung
Von Tag zu Tag wurden Denny und ich sicherer und eingespielter. Bereits nach einer Woche besprachen Kathi und ich den Termin für die Gespannprüfung. Wir legten fest, wer prüfen würde und wählten eine geeignete Strecke mit allen notwendigen Hindernissen.
Ab jetzt floss die Prüfungsstrecke täglich ins Training ein – immer kombiniert mit meinen echten Alltagswegen. So trainierten wir nicht nur für die Prüfung, sondern für ein wirklich funktionierendes Leben. Denny lernte meine Routinen kennen und ich lernte, ihm zu vertrauen.
Am letzten Tag vor der Prüfung machten wir bewusst keine großen Übungen mehr. Es war ein ruhiger, entspannter Tag – wir genossen einfach die gemeinsame Zeit. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie stark unser Band bereits geworden war.
Rückblick nach den ersten intensiven Tagen
Die Einarbeitungsphase war anstrengend, emotional und wunderschön zugleich. Es gab Momente des Zweifels, aber vor allem viele kleine Erfolge, die mich immer wieder überwältigt haben. Denny ist nicht nur ein Blindenführhund – er ist mittlerweile ein echter Partner und Freund.
Was ich gelernt habe:
Vertrauen entsteht durch konsequentes Training und viel Freizeit. Ein gutes Gespann wird nicht nur durch Arbeit, sondern auch durch gemeinsame entspannte Momente geschmiedet.
Wie geht es weiter?
Im nächsten Teil erzähle ich von der Gespannprüfung selbst – mit allen Emotionen, Herausforderungen und dem schönen Ende.
Warst du schon einmal in einer ähnlichen Situation oder hast Fragen zum Alltag mit einem Blindenführhund? Ich freue mich sehr über Kommentare!
