Als die Ausschreibung zur Weiterbildung „Fit für die Leitungsrolle“ für Ehrenamtliche vom 06. bis 10. Juni 2026 des DBSV in meinem Postfach landete, klang das interessant – aber fünf volle Tage in Magdeburg? Ehrlich gesagt: Meine Begeisterung hielt sich zunächst stark in Grenzen.
Fünf Tage Magdeburg, das fühlte sich im ersten Moment eher nach Strafe als nach echter Bereicherung an. Ich habe bereits einige Lehrgänge im Rahmen meines Ehrenamts absolviert und fragte mich skeptisch: Bringt mir das wirklich Neues? Trotzdem habe ich mich angemeldet – mit einem eher vorsichtigen Gedanken: „Mal sehen, wie das wird.“
Dass ich am Ende mit neuen Kontakten, konkreten Werkzeugen für meine Leitungsarbeit, inspirierenden Impulsen und überraschend vielen richtig schönen Momenten aus Magdeburg zurückkehren würde, hätte ich zu diesem Zeitpunkt niemals gedacht. In diesem ausführlichen Erfahrungsbericht teile ich alles Wichtige mit dir – ehrlich, detailliert und ohne Beschönigung. Damit bei dir wirklich keine Frage offenbleibt.
Die Anreise – bewusst entscheiden und loslassen
Von München aus waren Alma und ich bereits einige Tage früher zu meiner Freundin nach Hannover gefahren. Für die Dauer des Seminars blieb Alma bei ihr. Ich hatte mir das gut überlegt: Neue Stadt, unbekannte Wege, ein intensives Seminarprogramm von morgens bis abends – ich wollte mich voll und ganz auf die Inhalte konzentrieren können, ohne ständig an die Bedürfnisse meines Führhundes denken zu müssen.
Und trotzdem: Da war dieses leichte schlechte Gewissen. Sie einfach „zurückzulassen“, fühlte sich nicht ganz richtig an. Im Nachhinein muss ich sagen: Ich habe diese Entscheidung nicht bereut – aber sie hat mich durchaus beschäftigt.
Die Vorteile, wenn Alma mitgekommen wäre
Magdeburg hat mich mit seinen vielen grünen Parks, den weitläufigen Wiesen am Elbufer und ruhigen, baumbestandenen Wegen positiv überrascht. Die Elbe-Promenade mit ihrem charakteristischen Geruch nach Wasser, dem Rauschen der Wellen und den breiten, gut begehbaren Wegen wäre für Alma ein echtes Paradies gewesen. Auch der Stadtpark und kleinere Grünflächen direkt in der Nähe des Roncalli-Hauses hätten ihr genug Auslauf und Abwechslung geboten. in ihrer Freizeit hätte sie dort sicher entspannt laufen und schnüffeln können.
Die Nachteile, die mich letztlich zur Entscheidung gegen die Mitnahme bewogen haben
Ein volles 5-Tage-Seminar mit langen Tagen, Gruppenarbeiten und Abendprogramm hätte bedeutet, Alma mehrmals täglich allein in einem fremden Zimmer zu lassen. Meine Konzentration auf neue Inhalte, Übungen und den Austausch wäre deutlich schwerer gefallen. Gerade als interessierter Teilnehmer wollte ich den Kopf frei haben. Diese Entscheidung war richtig – sie hat mir ermöglicht, wirklich präsent zu sein.
Die Weiterfahrt von Hannover nach Magdeburg war unkompliziert: Etwa eineinhalb Stunden mit dem Zug, freundliches Bahnpersonal und eine entspannte Atmosphäre. Als blinder Reisender schätze ich solche reibungslosen Verbindungen sehr. Mehr zu meinen Erfahrungen zu Reisen mit der Bahn habe ich bereits in einem anderen Beitrag geteilt.
Ankunft in Magdeburg – erste Eindrücke
Als ich am Hauptbahnhof Magdeburgs aus dem Zug stieg, war mein erster Eindruck vor allem eines: angenehm gelassen. Natürlich gab es die typische Geräuschkulisse eines größeren Bahnhofs, doch alles wirkte überraschend offen und übersichtlich. Ein freundlicher Mitarbeiter der Mobilitätszentrale empfing mich und begleitete mich zur Straßenbahnhaltestelle.
Genau in diesem Moment verschob sich innerlich etwas. Aus dem vorsichtigen „Mal sehen, wie das wird“ wurde ein erstes, leises „Vielleicht wird das richtig gut.“
Der Weg zum Roncalli-Haus, in dem das Seminar des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) stattfand, war deutlich unkomplizierter als erwartet. Mit der Straßenbahn fuhr ich nur eine Station, dann ging es zu Fuß weiter. An der Haltestelle musste ich Passanten fragen, da die Straßenbahnen zwar während der Fahrt die nächste Haltestelle ansagen, aber nicht immer deutlich machen, welche Bahn gerade hält. Dank Navigations-App und hilfsbereiter Mitmenschen brauchte ich so nur wenige Minuten. Positiv hervorheben möchte ich die breiten Wege und die sehr freundlichen Mitmenschen unterschiedlichster Nationen, die die Orientierung nur mit Blindenstock enorm erleichterten. Als ich schließlich ankam, hatte ich sofort das Gefühl: Hier kann man zur Ruhe kommen.
Das Roncalli-Haus – ruhig, übersichtlich und angenehm unkompliziert
Gerade als blinder Mensch spürt man sehr schnell, ob ein Gebäude stressig oder angenehm ist. Im Roncalli-Haus hatte ich sofort ein gutes Gefühl: breite Flure, logisch aufgebaute Wege und eine funktionale Architektur ermöglichten mir bereits nach kurzer Zeit weitgehend selbstständige Orientierung.
Eine Mitarbeiterin am Empfang beschrieb mir gut verständlich alle wichtigen Punkte und den Weg zu meinem Zimmer im dritten Obergeschoss. Der Lift verfügt über taktil ertastbare Zahlen, Braille-Beschriftung und Sprachansage – vorbildlich. Mein Zimmer war angenehm schlicht und übersichtlich eingerichtet. Genau richtig, um nach intensiven Tagen gut abzuschalten. Die Atmosphäre im ganzen Haus war gelassen: Man konnte sich zurückziehen oder leicht mit anderen Gästen ins Gespräch kommen. Diese selbstverständliche Barrierefreiheit macht oft den größten Unterschied.
Das Seminar – mehr als nur Theorie
Der eigentliche Grund meiner Reise war das Präsenzseminar „Fit für die Leitungsrolle“ im Rahmen des Projekts Fit fürs Ehrenamt. Nach dem Bezug des Zimmers ging es direkt in die Seminarräume – wo frisch gekochter Kaffee und leckerer Kuchen warteten. Hier traff ich auf weitere Teilnehmer des Seminars. Es waren Mitglieder dabei, die sich gerade erst neu im Verein engagieren wollen, Leute wie ich, die schon länger aktiv sind oder ganz alte Hasen die gefühlt schon mein Leben lang aktiv sind,. Alle vereint das Verlangen dank dieses Seminars zukünftig noch mehr für den Verein erreichen zu können.
Die Teilnehmenden kamen aus ganz Deutschland und die meisten kannte ich noch nicht. Genau dieses Netzwerken ist ein großer Mehrwert solcher Seminare.
Diese Themen haben wirklich etwas bewegt
- Reflexion der eigenen Leitungsrolle: Wo stehe ich aktuell? Welche Stärken und Entwicklungsfelder habe ich?
- Moderation und Präsentationstechniken: Wie führe ich Gespräche und Veranstaltungen souverän?
- Konstruktiver Umgang mit Konflikten: Wie reagiere ich in Streitfällen? (Ein absoluter Schwerpunkt für mich.)
- Verhandlungsführung: Wie erreiche ich gute Ergebnisse für alle Beteiligten?
- Selbstmanagement und gesunde Grenzen im Ehrenamt: Wie schütze ich mich vor Überlastung?
Was mich besonders überzeugt hat: Es ging nie darum, die „perfekte Führungskraft“ zu werden, sondern darum, den eigenen authentischen Stil zu finden und bewusster zu handeln. Die Mischung aus Input, Gruppenarbeit, praktischen Übungen und Reflexionsrunden hat mir besonders gefallen.
Die schwerste Übung: Eine Diskussion moderieren – ohne eigene Meinung
Eine Übung, die mich besonders gefordert hat, war die Moderation einer Diskussion. Als Moderator durfte ich meine eigene Meinung nicht einbringen – das fiel mir erstaunlich schwer. Die Referentin hatte in den immer wechselnden Kleingruppen bewusst herausfordernde Rollen verteilt: Eine Teilnehmerin schweifte ständig vom Thema ab, eine andere sagte kaum etwas, ohne von mir direkt angesprochen zu werden, die dritte war grundsätzlich gegen alles und der vierte argumentierte zwar für die Sache, aber bewusst schwach.
Ich habe gemerkt, wie sehr ich dazu neige, selbst die Richtung vorzugeben, statt neutral zu moderieren und alle Stimmen einzubeziehen. Diese Übung hat mir einen Spiegel vorgehalten und mir gezeigt, woran ich noch arbeiten kann. Ein wertvolles, wenn auch anstrengendes Lernen.
Mein wichtigster Aha-Moment: Konstruktiver Umgang mit Konflikten
In der Übung zum konstruktiven Umgang mit Konflikten haben wir in Gruppen Standpunkte zu anstehenden Veranstaltungen erarbeitet. Anschließend musste ich die Argumente unserer Gruppe vertreten. Ich habe die Diskussion zwar „gewonnen“ – aber genau das war das Problem.
Mir wurde schlagartig klar, dass ich entgegen dem Übungsziel nicht konstruktiv und offen in die Diskussion eingestiegen bin. Es ging mir plötzlich nicht mehr um die beste Lösung für die Gruppe, sondern darum, die eigenen Ziele durchzusetzen. Als guter Diskussionsteilnehmer sollte ich eine Stellung vertreten, aber fair und durchdacht auf die Argumente der Gegenseite eingehen. Diese Erkenntnis hat gesessen. Seitdem achte ich bewusst darauf, in Konflikten nicht in den „Gewinn-Modus“ zu schalten. Stattdessen versuche ich wirklich zuzuhören, Positionen stehen zu lassen und gemeinsam nach guten Lösungen zu suchen. Das fällt nicht immer leicht, macht aber einen spürbaren Unterschied – in der Leitungsarbeit und im privaten Leben.
Verhandlungsführung und Präsentationstechniken
Ein weiterer großer Gewinn waren die Einheiten zu Verhandlungsführung und Präsentation. Wir haben alle einen kurzen Pitch gehalten und bekamen von den Referenten konkrete Hilfsmittel und Feedback an die Hand: klare Struktur, bewusste Körpersprache (auch für blinde Menschen spürbar durch Haltung und Stimme), gezielte Argumentation und die richtige Balance zwischen Überzeugung und Offenheit.
Ich habe gelernt, wie ich meine Anliegen klarer und überzeugender vertreten kann, ohne andere zu überrollen. Diese Werkzeuge möchte ich direkt in der nächsten Vorstandssitzung und bei Verhandlungen mit Kooperationspartnern einsetzen.
Selbstmanagement und gesunde Grenzen
Ein weiteres zentrales Thema war das Selbstmanagement. Die Referentin hat uns sehr eindringlich vermittelt, wie wichtig es ist, klare Grenzen zu setzen, damit man langfristig Freude am Ehrenamt behält und weder Arbeit noch Privatleben zu kurz kommen. Ich hatte dieses Thema zwar schon in anderen Seminaren beim BBSB behandelt und für mich einen guten Weg gefunden, aber die Wiederholung und die neuen Impulse haben mich darin bestärkt, noch konsequenter auf meine Energie zu achten. Ich möchte auch andere dringend aufrufen: Achtet auf eure Gesundheit – Ausbrennen nützt niemandem.
Austausch, der wirklich bleibt
Mindestens genauso wertvoll wie die Inhalte war der Austausch mit den anderen Teilnehmenden aus ganz Deutschland. Die Offenheit in den Pausen und abends hat viele echte, tiefe Gespräche ermöglicht. Man merkte schnell: Mit den eigenen Herausforderungen im Ehrenamt ist man nicht allein.
Kleine gemeinsame Abenteuer
Die schönsten Momente entstanden spontan abends mit einer kleinen Gruppe: ob gemütlich auf der Dachterrasse des Roncalli-Hauses, beim gemeinsamen Essen oder in einem Eiscafé. Diese ungezwungenen Stunden haben der Woche eine fast freundschaftliche Note gegeben und den Austausch enorm vertieft.
Magdeburg erleben – überraschend zugänglich
Die Stadt hat mich positiv überrascht: offen, weit und gleichzeitig übersichtlich. Mit dem Blindenstock war die Orientierung gut möglich. Ein kleiner Wermutstropfen war, dass die Zeit für eigene Erkundungen knapp war. Eine Teilnehmerin hatte ihren Mann mitgebracht, der sich in Ruhe die Stadt anschauen konnte und uns von den vielen Sehenswürdigkeiten berichtete – das hat mich ein bisschen neidisch gemacht. Im Nachhinein bereue ich, nicht ebenfalls gemeinsam mit meiner Freundin und unseren Hunden angereist und ein paar Tage länger geblieben zu sein.
Mein Fazit
Wenn du mich heute fragst, ob ich wieder teilnehmen würde: Ja, unbedingt! Diese Woche war deutlich mehr als eine Weiterbildung. Ich nehme neue Impulse, praktische Werkzeuge, inspirierende Kontakte und die Erkenntnis mit, dass sich auch ein vermeintlich unspektakulärer Ort lohnt – besonders gemeinsam mit anderen.
Magdeburg hat mich positiv überrascht und das Seminar „Fit für die Leitungsrolle“ war jede Minute wert. Es hat mir geholfen, bewusster zu leiten, Grenzen zu setzen und Konflikte konstruktiv anzugehen.
Ein persönlicher Moment zum Abschluss
Mit dem Zug und voller Motivation bin ich zurück nach Hannover gefahren. Dort wartete Alma schon sehnsüchtig. Ihre stürmische Begrüßung war der perfekte Abschluss einer bereichernden Woche.
Praktische Tipps für dein DBSV-Seminar
- Buche frühzeitig – die Plätze sind oft schnell vergeben.
- Plane bewusst Zeit für Austausch ein – hier passiert oft das Wertvollste.
- Nutze die Gelegenheit, Neues auszuprobieren – auch außerhalb deiner Komfortzone.
- Erkunde die Stadt aktiv – gerade in der Gruppe entstehen besondere Momente.
- Vertrau auf deine Mobilität – egal ob mit Blindenstock oder Führhund: Es funktioniert hervorragend.
- Nimm eine Braillezeile etc. für Notizen oder ein Aufnahmegerät mit – die vielen Impulse wollen festgehalten werden.
- Überlege dir im Vorfeld gut, ob du deinen Führhund mitnimmst – je nach Seminarintensität kann beides sinnvoll sein.
Und jetzt du: Was hält dich noch zurück?
Warst du schon einmal auf einem DBSV-Seminar? Oder überlegst du gerade, dich anzumelden? Welche Herausforderung im Ehrenamt beschäftigt dich aktuell am meisten? Schreib mir gerne in die Kommentare – ich freue mich auf den Austausch!
