„Also … wohnst du jetzt in Hannover?“ Diese Frage höre ich inzwischen öfter als Alma den Befehl „such Ampel“. Die ehrliche Antwort: Ja und nein. Ich bin weder ganz gegangen noch ganz geblieben. Stattdessen lebe ich seit einiger Zeit in einem Dreieck aus München, Hannover und Nurzen – mit meiner Blindenführhündin Alma an meiner Seite, die immer weiß, wo es langgeht. Selbst dann, wenn ich den Überblick mal verliere.
Das sind drei Orte, drei Bundesländer, zwei Landeshauptstädte und ein Dorf mit gut 1.000 Einwohnern. Nurzen liegt praktischerweise fast genau auf halber Strecke zwischen München und Hannover – und nur ca. 10 Kilometer nördlich von Erfurt, der dritten Landeshauptstadt im Bunde. Klingt kompliziert? Manchmal ist es das auch, vor allem dann, wenn das Ladekabel natürlich genau am anderen Wohnort liegt. Aber es funktioniert. Und mehr noch: Es fühlt sich inzwischen überraschend unkompliziert an.
Drei Orte, drei Gefühle – und drei Arten von Menschen
- München ist die Überholspur – schnell, fokussiert, zielgerichtet. Auch in Begegnungen.
- Hannover ist die Langstrecke – ruhiger, offener, mit Raum für echte Gespräche.
- Nurzen ist die Auslaufrunde – direkt, ehrlich, vertraut.
So unterschiedlich diese drei Orte im ersten Moment erscheinen, die Menschen – und Alma – machen die Orte zu dem, was sie für mich sind.
Nurzen: Mein Dorf-Zufluchtsort ohne Trubel
Kurz zur Klarstellung: Der offizielle Ortsname meiner Heimatgemeinde ist Riethnordhausen. In der Ortschronik steht, dass der Ort früher „Nordhusen“ hieß. Die Einwohner machten daraus „Nurzen“. Es war egal, wie der eigentliche Ortsname lautete, zu welchem Königreich, Staat, Bundesland oder Landkreis das Dorf gehörte – dieser Spitzname ist geblieben. Wenn ich einem Thüringer sage, ich komme aus Riethnordhausen, wissen viele nicht, wo das ist. Aber Nurzen kennt jeder.
Ruhe und echte Begegnungen
In Nurzen wache ich anders auf. Kein Straßenlärm, keine Tram, keine Straßenkehrmaschine um 5:42 Uhr. Und die Menschen? Die sind hier Teil dieser Ruhe – aber auf ihre ganz eigene Weise. Man grüßt sich. Immer! Egal, ob man Zeit hat oder nicht. Ein kurzes „Morgen“, ein Nicken, manchmal ein paar Worte über das Wetter und plötzlich ist man im Gespräch. Hier fragt dich keiner nach deinem Jobtitel. Hier wirst du eher gefragt, wessen Kind du bist oder ob dein Hund gut hört. Alma ist hier sowieso längst bekannt. „Na, da kommt ja wieder Alma mit ihrem Herrchen“, klingt es dann – meist mit einem Lächeln, das man hören kann. Die Gespräche sind ehrlich. Nicht immer verpackt, nicht immer vorsichtig – aber selten oberflächlich. Hier kennt man nicht nur die Wege, sondern auch die Menschen, die sie gehen. Apropos Weg: Hier kenne ich jeden blind – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich weiß, wo der Bordstein minimal schräg ist, wo im Herbst die Kastanien liegen und an welcher Stelle der Feldweg nach Regen weicher wird. Alma läuft hier auch anders. Kein konzentriertes Arbeitsgesicht, kein permanentes Scannen von Kreuzungen. Hier darf sie schnüffeln, stehen bleiben, den Kopf heben und den Wind lesen. Hier ist sie einfach Hund. Und ich bin einfach ich.
Neulich in Nurzen
Alma und ich gingen einen Feldweg entlang, als uns eine ältere Nachbarin entgegenkam. Sie blieb stehen, streichelte Alma ausgiebig und sagte: „Weißt du, für mich sind die Begegnungen mit dir und deinem Hund der beste Grund das Haus zu verlassen.“ Wir lachten beide – und standen plötzlich eine Viertelstunde zusammen und redeten über alles Mögliche. Solche Momente machen Nurzen zu meinem Zufluchtsort.
München: Hochgeschwindigkeits-Alltag mit Blindenführhund
Von dieser Dorf-Stille aus pendle ich regelmäßig in zwei sehr unterschiedliche Großstädte. München war 2013 eigentlich nur als kurzer Zwischenhalt geplant. Daraus wurde ein ganzes Kapitel. Schon als ich das erste Mal mit Denny mit dem Zug in München ankam, fiel mir auf: Hier gibt’s Bewegung. Heute weiß ich: Diese Stadt hat ihren eigenen Takt – schnell, direkt, manchmal fast atemlos. Morgens am Bahnsteig: Rollkoffer, Absätze, Durchsagen, Schritte im Rennmodus. Es fühlt sich an wie eine Startaufstellung – kurz nachdem die Ampel auf Grün springt. Und mittendrin: Alma und ich.
Begegnungen im Tempo
Die Menschen hier wirken oft, als wären sie auf dem Weg zu etwas Wichtigem. Blicke nach vorne, Telefonate im Gehen, kaum Stillstand. Was dabei spannend ist: Die Menschen in München sind nicht unfreundlich – sie sind effizient. Hilfe sieht hier anders aus. Selten spricht dich jemand einfach so an. Aber wenn du eine Frage stellst, bekommst du fast immer eine schnelle, klare Antwort: „Links die Treppe runter, dann zweite rechts.“ Kein unnötiger Smalltalk. Kein Zögern. Aber genau das, was du brauchst. Und dann gibt es diese leisen Formen von Rücksicht: Ein Schritt zur Seite. Eine Tür, die einen Moment länger offen bleibt. Alles passiert schnell – aber oft sehr bewusst.
Alma arbeitet in München auf höchstem Niveau. Sie navigiert konzentriert durch die Menschenmassen am Hauptbahnhof, weicht Rollkoffern aus und findet den Weg zur richtigen U-Bahn.
Einmal blieb sie plötzlich stehen und blockierte sanft den Weg eines Mannes, der mit dem Handy am Ohr ohne hinzuschauen die Straße überqueren wollte. Der Mann schaute irritiert, dann verstand er und bemerkte dass er im nächsten Moment von einem Auto erfasst worden wäre – er wartete kurz und bedankte sich in Richtung Alma. Solche stillen Heldentaten meiner Blindenführhündin passieren hier ständig.
Hannover: Die ruhige Großstadt, die mir wieder Luft zum Atmen gibt
Hannover ist in mein Leben gekommen, nicht da ich es geplant hatte oder schon immer hier wohnen wollte, sondern da meine Freundin hier ein Jobangebot bekommen hat. Und Beziehungen bedeuten manchmal, gemeinsam die Strecke zu wechseln. Was ich hier schnell gemerkt habe: Nicht nur die Stadt ist ruhiger – auch die Menschen sind es. Die Gehwege wirken breiter, die Geräuschkulisse weniger dicht. Und irgendwie überträgt sich das auch auf die Art, wie Menschen miteinander umgehen. Man wird hier seltener einfach angesprochen als in Nurzen. Aber wenn ein Gespräch entsteht, bekommt es mehr Raum.
Entschleunigte Begegnungen
Auch im Alltag fällt mir das auf: Menschen lassen hier mehr Abstand. Sie reagieren vorausschauender. Sie wirken weniger im inneren Dauerlauf. Alma bewegt sich hier sichtbar entspannter. Sie arbeitet – aber ohne diesen permanenten Hochleistungsmodus wie in München. Für sie ist Hannover ruhiger Fokus. Für mich ist es ein sozialer Raum, der Luft lässt.
Taxi fahren mit Blindenführhund – und was das Gesetz dazu sagt
Während einer der ersten Besuche bei meiner Freundin in Hannover verlor ich etwas das Zeitgefühl und stellte erst spät fest, dass ich meinen Zug erreichen musste. Da Alma sich in Hannover noch nicht gut auskannte und ich mich bei dem Weg auch noch nicht so richtig sicher fühlte, entschied ich mich, ein Taxi zu rufen, um sicher und rechtzeitig zum Bahnhof zu gelangen. Schon bei der telefonischen Bestellung wies ich darauf hin, dass ich mit einer Blindenführhündin unterwegs bin. Daraufhin wurde mir ein Großraumtaxi angeboten. Da ich in der Vergangenheit bereits häufiger erlebt habe, dass Taxifahrer die Mitnahme von Alma oder zuvor Denny ablehnen, stimmte ich dem ohne weiteres zu, in der Annahme, so möglichen Problemen aus dem Weg zu gehen. Als das Taxi eintraf, sprang Alma routiniert hinein und wir fuhren los. Während der Fahrt kamen der Fahrer und ich ins Gespräch. Nach einiger Zeit fragte er mich, warum ich eigentlich ein Großraumtaxi bestellt hätte, da ein normales Fahrzeug völlig ausreichend gewesen wäre. Ich schilderte ihm daraufhin meine bisherigen Erfahrungen, bei denen mir trotz meiner Situation und der klar erkennbaren Tatsache dass es sich bei Alma oder Denny um Blindenführhunde handelt, die Mitnahme teilweise verweigert wurde. Daraufhin erklärte mir der Fahrer, dass dies so eigentlich nicht zulässig sei. Er wies mich darauf hin, dass Blindenführhunde in Deutschland rechtlich als Assistenzhunde gelten und Taxiunternehmen verpflichtet sind, Fahrgäste mit ihnen zu befördern. Eine Ablehnung sei in der Regel nicht erlaubt.
Die rechtliche Grundlage dafür findet sich im §22 des Personenbeförderungsgesetzes (PBefG) – dort ist die Beförderungspflicht klar geregelt. Weitere Informationen dazu und wo Blindenführhunde sonst noch Zutritt gewährt werden muss gibt es auch beim DBSV.
Im weiteren Gespräch stellte sich zudem heraus, dass in dem Gebiet eigentlich ein Kollege mit einem normalen Taxi zuständig gewesen wäre und dieser sei sogar ein großer Hundefreund. Das bestellte Großraumtaxi wäre also gar nicht notwendig gewesen. Umso bemerkenswerter war für mich, dass ausgerechnet der Fahrer, der mich schließlich fuhr und selbst Angst vor Hunden hatte, die Fahrt völlig selbstverständlich übernahm und sich sehr hilfsbereit zeigte. Am Bahnhof angekommen, beließ er es nicht beim Aussteigen, sondern begleitete mich bis zum Bahnsteig, sodass ich meinen Zug problemlos erreichen konnte. Außerdem berechnete er mir keinen Aufpreis für das Großraumtaxi. Dieses Erlebnis ist mir besonders positiv in Erinnerung geblieben – nicht nur wegen der Hilfsbereitschaft des Fahrers, sondern auch, weil er mich noch einmal ausdrücklich auf die rechtliche Situation hingewiesen hat. In der Folge nutze ich dieses Taxiunternehmen seither immer und wurde bereits bei meinem zweiten Anruf wiedererkannt, was ich als sehr angenehm empfand. Vor allem da ich in den letzten Jahren in unterschiedlichen Städten häufiger Taxis genutzt habe, und häufig Situationen erlebt habe, in denen die geltenden Regelungen im Umgang mit Blindenführhunden nicht beachtet werden.
Solche Momente erinnern mich immer wieder daran, wie wertvoll echte Hilfsbereitschaft ist – und wie sehr sie das Pendeln zwischen den Orten leichter macht.
Zugfahren mit Alma – Routine mit kleinen Comedy-Einlagen
Zugfahren mit Blindenführhund ist ein eigenes Kapitel. Und vielleicht der einzige Ort, an dem alle Welten, zwischen denen ich mich bewege, gleichzeitig aufeinandertreffen. Hier sitzen sie nebeneinander: Der Geschäftsmensch aus München, der sofort seinen Laptop aufklappt. Die Familie, die erstmal Brote auspackt. Jemand, der einfach nur aus dem Fenster schaut. Und jemand, der direkt ins Gespräch kommt. Mittendrin: Alma und ich.
Alma ist im Zug inzwischen absoluter Profi. Sie sucht selbstständig einen passenden Platz, navigiert sicher durch enge Gänge und legt sich so hin, dass sie niemanden behindert. Oft rollt sie sich einfach zu meinen Füßen zusammen. Ihr warmer Körper liegt leicht an meinen Schienbeinen, ihr Atem ruhig und gleichmäßig, während der ICE über die Schienen rauscht. Diese Momente haben etwas fast Meditatives. Während draußen die Landschaft vorbeizieht, entsteht innen eine Ruhe, die ich an kaum einem anderen Ort so finde. Und gleichzeitig passieren genau hier die unterschiedlichsten Begegnungen.
Neulich stieg ein älterer Herr ein, sah Alma und flüsterte seiner Begleiterin – laut genug für alle zu hören: „Guck mal, der Hund hat ja eine Weste an – der ist bestimmt vom Zoll oder so.“ Ich musste lachen und antwortete: „Fast richtig, nur dass sie Mich statt Schmuggelware durch den Alltag lotst.“ Einen kurzen Moment war es ihm merklich unangenehm. Dann lachte er – und der halbe Wagen gleich mit. Solche Situationen sind typisch. Jemand beobachtet erst. Ist unsicher. Sagt dann doch etwas und plötzlich entsteht Kontakt.
Ein anderes Mal hatte Alma es sich besonders gemütlich gemacht und lag quer über meinen Füßen. Plötzlich kam der Service-Mitarbeiter mit dem Kaffeewagen durch den Gang – schnell und zielstrebig wie immer. Alma hob kurz den Kopf, sah ihn an und legte sich demonstrativ ein Stück im Gang hin. Als wollte sie sagen: „Stopp, ich möchte bestellen.“ Der Mitarbeiter bremste, grinste und meinte: „Na, die Dame möchte wohl auch einen Cappuccino haben.“ Ich bekam meinen Kaffee und Alma ein frisches Wasser im improvisierten Napf. Mit extra Service und einem: „Der Hund hat’s drauf.“
Besonders schön sind für mich die Kindermomente. Einmal saß ein etwa fünfjähriges Mädchen auf der anderen Seite des Gangs und naxch einer Weile flüsterte sie: „Mama, der Hund ist ja richtig süß!“ Alma wackelte daraufhin auf ihre eigene Art und Weise mit dem Schwanz und ich bot an, dass sie sie gern streicheln darf. Die Freude des kleinen Mädchens war sichtlich groß. Kurz bevor die beiden aussiegen sagte die Mutter: „So ruhig habe ich meine Tochter im Zug noch nie erlebt.“
Und dann sind da noch die Klassiker: Der Schaffner, der trotz Führgeschirr und Assistenzhundemarke fragt: „Ist das ein Blindenführhund?“ Oder der Mitreisende, der nach einer Stunde plötzlich sagt: „Ach, da ist ja ein Hund.“ Während Alma genau in diesem Moment leise im Schlaf jault – vermutlich, weil sie gerade über die Felder in Nurzen rennt.
Gerade wegen dieser kleinen Geschichten liebe ich die Zugfahrten. Zwischen den drei Orten unterwegs zu sein, mit Alma ruhig zu meinen Füßen, gibt mir oft den größten Freiraum im Kopf. Während der Zug rollt, denke ich manchmal: "Ich kann den Wind nicht ändern - nur die Segel drehen".
Und wo ist Zuhause?
Manchmal frage ich mich, wo eigentlich mein Lebensmittelpunkt liegt. Aber immer öfter merke ich: Vielleicht ist es nicht ein Ort. Sondern eine Mischung. Aus Tempo und Ruhe. Aus Anonymität und Vertrautheit. Aus kurzen Begegnungen und echten Gesprächen. Also … wo wohne ich? Wahrscheinlich genau dazwischen. Und genau richtig. Vor allem, solange jemand mit vier Pfoten neben mir läuft, der den Weg kennt.
Und du?
Wie erlebst du Menschen an unterschiedlichen Orten? Gibt es bei dir auch solche Unterschiede zwischen Stadt und Land oder sogar zwischen verschiedenen Städten? Und wenn du wählen müsstest: Team München, Team Hannover, oder Team Nurzen? Ich bin gespannt auf deine Perspektive.
Erzähl's mir in den Kommentaren.
