Es gibt Themen die über die Zeit nicht an Wichtigkeit verlieren. Sie werden fast zur Alltäglichkeit und doch ist es wichtig wieder und wieder darüber zu sprechen. Eines dieser Themen ist für mich das Bedürfnis meines Blindenführhundes wärend seiner Arbeit nicht gestört zu werden. Was für Unsereins selbstverständlich erscheint ist in der breiten Masse leider nicht immer so klar. Ein friedlich wirkender Hund mit Geschirr erweckt natürlich Aufmerksamkeit und so kommt es immer mal wieder zu überraschenden "Übergriffen". Neben meinen eigenen Erfahrungen habe ich auch schon des Öfteren von anderen Führhundhaltern dazu Berichte gehört. Aber wieso ist das eigentlich ein Problem und wie geht man mit dem Thema um?

Ungefragt fremde Hunde anfassen? Das geht gar nicht! Für Blindenführhunde gilt das im Besonderen.

Nicht jeder Mensch denkt darüber nach oder hat andere Erfahrungen gemacht, aber man sollte sich nicht ungefragt einem fremden Hund nähern. Dies gilt bei Blindenführhunden ebenso und auch angesprochen werden sollten sie auf keinen Fall - all das lenkt sie von ihrer Arbeit ab. Im Dienst sollen sich Blindenführhunde voll und ganz auf ihr Herrchen konzentrieren und das auch, wenn sie gerade nicht aktiv führen. Sobald ein Führhund sein weißes Führgeschirr trägt, ist er im "Arbeitsmodus".

Beliebt ist der Streichler über den Kopf des Hundes, zusammen mit einem Ausruf der Art „Ooh ist der süß! Ist doch ein ganz Lieber, oder?“. Als ich Denny frisch bekommen hatte, war ich noch unsicher und ich wusste nicht wie ich reagieren sollte, außer Denny beiseite zu nehmen. Heute reagiere ich anders wenn eine fremde Person Denny zu sehr auf die Pelle rückt oder einfach anspricht. Ich erkläre den Leuten in Ruhe welchen Fehler sie gerade machen und warum das nicht okay ist. Denny muss arbeiten und ist kein Tier in einem Streichelzoo.

Streicheln ist ein Teil der Belohnung...

So ein Blindenführhund kann schon süß sein. Und das schreibe ich nicht nur, weil mir hier gerade ein solcher zu Füßen liegt. Während ich tippe bittelt er wie so häufig nach Streicheleinheiten und Zuwendung, von denen er von mir natürlich mehr als genug bekommt - im Dienst nämlich für korrekt ausgeführte Führaufgaben und insbesondere in unserer Freizeit.

Leider gibt es genug Menschen, oft die selbsterklärten Hundefreunde, die "einfach an keinem Hund vorbeigehen" können, die fremde Hunde mit hohem "Niedlichkeitsfaktor" anfassen möchten. Blindenführhunde fallen meist in diese Kategorie und sind dazu noch als brav und gut erzogen bekannt. Mit ihrer Weste und dem Geschirr erwecken sie außerdem sofort eine gewisse Aufmerksamkeit. So laden sie ganz besonders zum Streicheln und Loben ein -  aber nichts desto trotz sind es Arbeitshunde, die viel Verantwortung für "ihren Menschen" tragen und ihrer Aufgabe nur gerecht werden können, wenn sie in Ruhe und ungestört ihre Arbeit machen können. Andere Arbeitshunde, zum Beispiel Polizeihunde, werden ja auch in Ruhe gelassen - warum wohl?...

Warum man Blindenführhunde nicht ungefragt anfassen soll?

Blindenführhunde, wie auch alle anderen Hunde haben keine persönliche räumliche Grenze wie wir Menschen. Im Allgemeinen lassen sie sich gerne loben und streicheln, das sollte, gerade im Dienst, jedoch ausschließlich und nur von ihren Führhundhaltern ausgehen - sonst werden sie in ihrer Konzentration gestört. Manche Blindenführhunde sind schwer ablenkbar und ignorieren fremde Personen komplett. Andere hingegen kommen möglicherweise schneller aus dem Konzept und dann kann es für den Hund und den Führhundhalter gefährlich werden. Ich spreche hier vor allem von offensichtlichen Gefahrensituationen wie das Überlaufen von Bordsteinen auf die Straße, aber auch von ganz normalen Alltagssituationen wie im Einkaufszentrum, in Parks, im öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Schnell läuft der Hund zu eng an aufgestapelten Supermarkt-Produkten vorbei, übersieht herabhängende Äste oder stolpert beim Aussteigen aus einer Straßenbahn.

Für solche Führfehler wird immer (!) der Führhund getadelt, auch wenn er in betreffender Situation eigentlich gar nicht "schuld" war, sondern "nur" von einem gutmeinendem Menschen abgelenkt wurde - Das kann nicht sein, was sich Hundefreunde wünschen!

Den Halter ansprechen ist immer notwendig

Ein Blindenführhund ohne weißes Führgeschirr hat "frei". Aber selbst dann ist die Kontaktaufnahme mit dem Halter sinnvoll, bevor der Hund gestreichelt wird. Ich habe nur sehr selten etwas dagegen, dass Denny von anderen Personen in diesen Momenten gestreichelt wird. Natürlich nur wenn ich vorher gefragt wurde. Das hat nicht nur aber auch damit zu tun, dass ich als blinder Führhundhalter gern weiß was um mich herum und mit meinem Hund geschieht.

Füttern ist ein No-Go!

Füttern ist übrigens sowohl im Dienst als auch in der Freizeit des Hundes absolut tabu! Das ist kein Blindenführhund-spezifisches Thema sondern gilt für alle Hunde. Der Führhund lernt während seiner Ausbildung zwar, kein Futter von Fremden anzunehmen, aber gerade "verfressenen" Labradore wie Denny vergessen das manchmal. (Es ist ja auch wirklich schwer, etwas Leckerem, das einem direkt vor die Nase gehalten wird zu widerstehen...) Neben einer Reihe von Gründer der Rangordnung und Portionierung ist hier auch ganz konkret zu beachten, dass jeder Hund Unverträglichkeiten haben kann - dann können fremde Leckerchen verheerende Folgen haben.

Kurz und Knapp

Fremde Hunde sollten ohne Rücksprache mit dem Halter nicht angefasst, gestreichelt oder gar gefüttert werden. Gründe dafür sind vielfältig. Bei Blindenführhunden ist dies insbesondere von Wichtigkeit, da die Tiere einer wichtigen Arbeit nachgehen und Fehler durch Unaufmerksamkeit passieren können. Wenn dabei der Führhundhalter wortlos außen vor gehalten wird können sehr unangenehme und potentiell gefährliche Situationen entstehen. Schlussendlich kann jeder einmal in sich gehen und überlegen, was passiert, wenn ein durch die Ausbildung perfekt disziplinierter Hund täglich aufs Neue während seiner Arbeit von willkürlichen Menschen mit Streicheleinheiten versorgt wird.

 

Kommentare  

Claudia Arbesmann
#6 Claudia Arbesmann 2020-09-03 09:06
Das kenne ich auch, manche verstehen manche nicht. Und manchmal ist man eine böse Frau, wenn man Zeit hat kann man erklären hat man aber nicht immer. Die
Leute sind zu wenig aufgeklärt trotzdem dass ich meinen Hund seit elf Jahren habe
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Stephan
#5 Stephan 2020-09-01 15:00
Hi Diana, Michaela und Ludwig,
es freut mich sehr dass euch mein Beitrag gefallen hat.
Ich finde es klasse das auch ihr versucht andere Leute aufzuklären!
@Simon du kannst mich gerne einmal persönlich kontaktieren, vielleicht bin ich in der kommenden Zeit einmal in deiner Gegend oder kenne einen Führhundhalter der in deiner Nähe lebt.
LG
Stephan
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Ludwig Herbort
#4 Ludwig Herbort 2020-09-01 10:27
Auch ich kenne das Problem. Nur bis jetzt bin ich immer gefragt worden. Ich antworte dann immer: "wenn ein Hund im Führgeschirr ist, bitte niemals ansprechen
oder berühren. Er ist dann nämlich hochkonzentriert bei der Arbeit."
Einige Personen fragten auch, ob sie dem Hund ein Leckerli geben dürften. Da antworte ich immer: "Bitte nicht! Mein Hund hat eine Allergie und darf nur
Spezialfutter zu sich nehmen."
Bisher klappt das auch immer ganz gut.
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Simon
#3 Simon 2020-08-31 22:49
Ich bin über Instagram auf den Beitrag aufmerksam geworden. Mich interessiert es sehr, wie es blinde Mitmenschen schaffen, sich mit einem Hund so gut zurechtzufinden. Zumindest scheint es mir so, bei allen Berichten die ich lese.
Gibt es eine Möglichkeit einen Blindenführung bei der Arbeit zu begleiten?
Mich reizt es sehr das Zusammenspiel zwischen Führhundhalter und Hund kennen zu lernen.
Über ein Hinweis freue ich mich sehr.
Lg Simon
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Michaela Nuglisch
#2 Michaela Nuglisch 2020-08-31 15:01
Mit deinem Beitrag sprichst du mir aus der Seele , man muss sich oft mehr rechtfertigen und aufpassen das andere Personen mit deinem Hund nicht reden ,
streicheln oder gar füttern . Es ist halt immer ein komisches Gefühl weshalb zieht der Hund weg , wegen des streichelnd , füttern oder das Fixieren meiner
Hündin . Aber es wissen so viele Menschen nicht !! Man sollte schon mit den Hunden viel mehr Aufklärung in den Schulen machen ! Ich werde mit meiner
Hündin in die Schule meiner Enkelin gehen und dieses Thema ansprechen.
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Diana Klemen
#1 Diana Klemen 2020-08-31 14:45
Der Beitrag spricht mir als Führhundehalterin aus der Seele. Leider habe ich nicht immer Zeit für lange Erklärungen und muss die Leute mit einer kurzen
Anweisung bezüglich des Streichelns abspeisen. Sitze ich in einem öffentlichen Verkehrsmittel und muss noch ein paar Stationen fahren, ist das natürlich
etwas Anderes und ich kläre in solch einer Situation immer auf.
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