Seit vier Jahren ist Denny mein täglicher Begleiter. In dieser Zeit war er als Blindenführhund stets eine große Hilfe und ein guter Freund. Meistens konnte ich mich "blind" auf ihn verlassen. Und doch ist es gar nicht so einfach ihm voll und ganz vertrauen zu können. Manchmal komme ich aber doch in eine Situation, in der ich mich frage, ob er seinen Job richtig macht. Mir fällt dazu folgende Situation ein, in der ich - wenn auch im Nachhinein grundlos - an Denny zweifeln musste.

Wie so häufig waren wir übers Wochenende in Nurzen. Auf dem Rückweg klappt wie sonst auch alles problemlos, bis wir am Münchner Hauptbahnhof den ICE verließen. Nachdem ich Denny sein Führgeschirr angelegt hatte, gab ich den Befehl „Such Straßenbahn“. Diese und der Weg zu ihr ist Denny nicht neu. Er lief zielstrebig los und nach wenigen Schritten versank ich in Gedanken. Plötzlich blieb Denny stehen.

Da ich wusste, dass wir noch nicht an der Straßenbahn sein konnten wiederholte ich das Kommando, doch Denny bewegte sich keinen Schritt weiter. Da ich ratlos war gab ich ihm den Befehl „Such Weg“. Dies schien zu funktionieren und Denny setzte seinen Weg nach links fort. Der Weg war mir allerdings unbekannt. Wir erreichten weder den Geruch der zahlreichen Essensstände, noch den Ausgang oder gar die Straßenbahnhaltestelle. Leicht verunsichert gab ich erneut den Befehl „Such Straßenbahn“.

Denny lief wie gehabt weiter ohne Verwirrung zu zeigen oder seine Richtung zu ändern. Da er bisher noch nie ein Problem damit hatte die Straßenbahn zu finden ließ ich ihn machen, wir würden sicher gleich ankommen. Doch auch 100 Meter und gefühlte 23 Richtungswechsel später wurde mir klar dass etwas nicht richtig sein kann. Meine Unsicherheit verwandelte sich in Ärger und ich wurde sogar etwas sauer auf Denny. Was macht er heute? Will er mich ärgern? Wir müssen dringend mal wieder Aufmerksamkeits-Übungen machen.

Ich war kurz davor um fremde Hilfe zu bitten, als plötzlich der vertraute Geruch von frischem Essen in meine Nase drang und wenige Schritte weiter stand ich auch schon an dem mir wohl bekannten Bahnhofsausgang. Ich war beruhigt und mein Ärger über Denny verflog. Und doch war ich verwirrt und neugierig... als eine Person an mir vorbei lief, rief ich ihr nach: „Entschuldigung, können sie mir kurz helfen?“

Aufgrund des angenehmen Parfümgeruchs überraschte mich die Stimme einer jungen Frau nicht, welche freundlich antwortete „Ja bitte, was gibt's denn?“. Den unbekannten und offensichtlich weder direkten noch kurzen Weg bis zum Ausgang konnte ich mir nicht erklären und ich erhoffte mir eine mögliche Erklärung, noch war ich mir sicher dass Denny eine Nachschulung nicht schaden würde. Die Frau erklärte mir, für mich überraschend, dass im kompletten Bahnhof Renovierungen an den Bodenplatten vorgenommen wurden. Diese waren teilweise heraus genommen und Baumaschinen standen im ganzen Bahnhof verteilt herum. Viele Teile des Bahnhofs waren daher abgesperrt und die Passanten wurden über Seitenwege umgeleitet.

Ich kann aus diesem Erlebnis nur folgendes Fazit ziehen: Dass ich dank Denny von Fahrrädern, Werbeträgern, Verkaufsausstellern oder wie in diesem Fall von Baustellen welche den tagtäglichen Weg durch die Stadt zu einem teilweise unmöglichen Hindernislauf verkommen lassen nichts mitbekommen muss ist Klasse und eine große Hilfe. Ein solch unerklärlicher Umweg lässt mich zweifeln und stellt mein Vertrauen in Denny in Frage. Die Kontrolle abzugeben ist nie einfach und erfordert viel Vertrauen in die Fähigkeiten und Disziplin des Führhundes. Der beschriebene Fall zeigte mir einmal mehr, dass Denny mein vollstes Vertrauen verdient hat. In Zukunft werde ich mir merken müssen, dass ich ruhig bleiben kann und mich einfach voll und ganz auf seine Fähigkeiten verlassen muss.

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